Hintergründe

Diese Seite bietet Hintergrundinformationen zu den einzelnen Episoden. Sie beinhaltet Informationen zu den Interviewpartner*innen, verweist auf Quellen, Presseartikel und Literatur und bietet einzelne Empfehlungen zum Weiterlesen, -hören und -sehen.

Anmerkungen zur Verwendung des Termins N-Wortes: Dieser Platzhalter steht für eine rassistische Bezeichnungspraxis, deren Geschichte in der Versklavung und Kolonisierung liegt. Der Begriff wird heute immer noch abwertend gegenüber vornehmlich Schwarzen Menschen benutzt. Deshalb benutzen wir den diskriminierenden Begriff nicht in unseren eigenen Texten.

Hintergründe zu Episode 1: Der rassistische Mord an Jorge Gomondai

Hintergründe zu Episode 2: Rassismus, rechte Gewalt und Migrantifa in Erfurt


Hintergründe zu Episode 1: Der rassistische Mord an Jorge Gomondai

Interviewpartner*innen:

Familie Gomondai

Jorge Gomondai war das dritte Kind von Luisa Nhandima und João Gomondai. Der Vater starb vor einigen Jahren. Der ältere Bruder Pita Gomondai arbeitet als Ingenieur in den Braunkohleminen im Norden von Mosambik. Die Brüder Antonio und Xavier wurden Anfang der 80er Jahre während des Bürgerkrieges zur Armee eingezogen. Heute leben sie wie ihre Schwestern Carlotta und Angelina mit ihren Familien wieder in Chimoio und Umgebung. Sie alle versuchen mit etwas Landwirtschaft ihr Überleben zu sichern.

Emiliano Chaimite:

Als Vertragsarbeiter kam er 1986 aus Mosambik nach Magdeburg und erhielt eine Berufsausbildung als Gießereifacharbeiter. Kurz vor Jorge Gomondais Tod zog er 1991 nach Dresden und ließ sich zum Krankenpfleger ausbilden. 1994 gründete er den ersten mosambikanischen Verein in Dresden und engagierte sich u.a. im Ausländerrat. Er hat den Kontakt zu Familie Gomondai in Mosambik aufgebaut und deren Besuch 2007 organisiert. Er ist seit Jahren politisch aktiv im Kampf um mehr Teilhabe für Migrant*innen.

Roman Kalex:

Als Teil der nichtkirchlichen oppositionellen Gruppe „Wolfspelz“ war er schon als Jugendlicher politisch aktiv und engagierte sich bereits in der DDR gegen Neonazis. Während der Wende und in den frühen neunziger Jahren erlebte er als Linker die ständige Gewalt, die von Neonazis ausging. Er arbeitet als freiberuflicher Informatiker in Dresden.

Kathrin Krahl:

Als Schülerin kam sie in den Neunzigern aus Westdeutschland nach Dresden. Sie engagierte sich Ende der neunziger Jahre im Netzwerk „kein mensch ist illegal“ gegen Rassismus und für ein Gedenken an Jorge Gomondai, das die rassistische Verfasstheit der deutschen Gesellschaft radikal in Frage stellt. Sie ist Soziologin und arbeitet bei Weiterdenken – Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen.

Olga M.:

Als Vertragsarbeiterin kam sie 1986 aus Mosambik in die DDR. Sie kannte Jorge Gomondai persönlich. In der DDR arbeitete sie im Glaswerk Freital, erhielt aber bis zur Wende keine Ausbildung. Danach absolvierte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Sie berichtet vom nicht erst seit der Wende ständig anwachsenden Rassismus und den Bedrohungen, denen schwarze Menschen ausgesetzt sind. Olga lebt und arbeitet bis heute in Dresden. Als ehemalige Vertragsarbeiterin kämpfte sie einen langen Kampf um Bleiberecht und Anerkennung.

Marita Schieferdecker-Adolph:

Sie war von 1990 bis 2010 Ausländerbeauftragte der Stadt Dresden. Sie kannte Jorge Gomondai persönlich, hat den Trauermarsch 1991 mitorganisiert und ist seither in das jährliche Gedenken eingebunden. Sie kommt aus der kirchlichen Cabana-Bewegung in der DDR. Mit ihrer Arbeit stand sie immer in dem für die neunziger Jahre typischen Zwiespalt: Als Verbündete von Migrant*innen trat sie für deren Rechte ein. Gleichzeitig erhoffte sie sich von Gesprächen und Veranstaltungen mit Neonazis deren Abkehr von ihren Einstellungen.

Danilo Starosta:

Als Kind und Jugendlicher in der DDR wuchs er mit einem allgegenwärtigen Rassismus auf. Zur Zeit der Wende, als Mittzwanziger, erlebte er ständige Auseinandersetzungen mit Nazis, die bis heute nicht abreißen. Die Zeit der sogenannten friedlichen Revolution schildert er als für Vertragsarbeiter*innen und alle als anders wahrgenommenen Menschen mit außerordentlichen Gewalterfahrungen verbunden. Er arbeitet für das Kulturbüro Sachsen und engagiert sich für ein emanzipatorisches Miteinander, antifaschistische Bildung und gegen jeden Rassismus.

Presse und Literatur

Hier ist eine Auswahl von Presseartikeln und Aufsätzen hinterlegt.

  • Spiegel 16/1991: Alltägliche Jagdszenen, Skinheads und Neonazis überrennen Dresden
  • taz, 13.4.1991: Trauer um Jorge Gomondai
  • taz, 14.5.1991: Dresden – Hauptstadt der rechten Bewegung
  • taz, 25.09.1993: Lustig war’s, lang ist’s her
  • nd, 07.10.1993: Anschlag auf Gomondai durch Polizei begünstigt?
  • taz, 22.10.1993: Todesursache: Angst
  • Heike Kleffner (2011): (K)eine Frage der Wahrnehmung: die tödliche Dimension politisch rechts motivierter Gewalt, in: Opferberatung des RAA Sachsen e.V. (Hg.): Tödliche Realitäten. Der rassistische Mord an Marwa El-Sherbini. Dresden, S. 23-46. PDF zum Download.
  • Urteil im Fall Jorge Gomondai vom 29.10.1993 gegen Alex W., Walter B. und Torsten R.: SächsHStA, 13363, Staatsanwaltschaft Dresden, AZ 24 Js 4214/91 – Archivaliensignatur 21. 192, Band 9.
  • ID-Archiv im ISSG (Hg.) (1992): Drahtzieher im Braunen Netz. Der Wiederaufbau der NSDAP. Ein Handbuch des antifaschistischen Autorenkollektivs Berlin. Berlin.
  • Antifaschistisches Autorenkollektiv (1996): Drahtzieher im braunen Netz. Ein aktueller Überblick über den Neonazi-Untergrund in Deutschland und Österreich. Hamburg.

Dokumentationen


Hintergründe zu Episode 2: Rassismus, rechte Gewalt und Migrantifa in Erfurt

Interviewpartner*innen:

José Paca

José Paca lebt seit 1989 in Erfurt. Seit den neunziger Jahren engagiert er sich in der Migrationspolitik und in der antirassistischen Selbstorganisation. Er hat den Verein Afro Sport gegründet. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen setzt er seit den neunziger Jahren bis heute kontinuierlich fort, organisiert antirassistische Fußballturniere und stellt migrantischen Jugendlichen Räume zur Verfügung. Gemeinsam mit anderen gründet er 1992 den Ausländerbeirat in Erfurt. Es ist die erste kommunale Interessenvertretung von Migrant*innen in den neuen Bundesländern. José Paca ist seit 2008 der Vorsitzende des Ausländerbeirats. 2001 wird er Mitglied im Bundesausländerbeirat, dessen stellvertretender Vorsitzender er seit 2018 ist. Außerdem ist er Vorsitzender von DAMOST (Dachverband der Migranteninitiativen in Ostdeutschland) und zwischen 2017 und Juni 2020 Sprecher des Sprecher*innenrates von MigraNetz in Thüringen (Netzwerkes der Migrantenorganisationen in Thüringen). Für sein Engagement erhält er 2014 das Bundesverdienstkreuz. José Paca hat durch seine Arbeit wesentlich zur Demokratisierung Erfurts beigetragen.

Josina Monteiro

Josina Monteiro wird 1982 in Erfurt geboren. Ihr Vater war Vertragsarbeiter aus Mosambik, ihre Mutter Erfurterin. Sie hat Soziale Arbeit an der Fachhochschule Erfurt studiert. Heute arbeitet sie in einem Projekt zur beruflichen Integration von geflüchteten Frauen in Erfurt. Sie ist in der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ in Thüringen und im Antirassistischen Ratschlag in Erfurt ehrenamtlich aktiv. Außerdem engagiert sie sich im Landesfrauenrat Thüringen.

Literatur und Presse

  • Rainer Erices: Hetzjagd im Augst 1975 in Erfurt. Wie Ausländerfeindlichkeit in der DDR verharmlost und verleugnet wurde, in: Gerbergasse 18. Thüringer Vierteljahreszeitschrift für Zeitgeschichte und Politik. 4/2018, Heft 89, S. 22–25.
  • Reiner Fromm (1993): Rechtsextremismus in Thüringen. Marburg.
  • Katharina Oguntoye, May Ayim, Dagmar Schultz (Hg.) (1986): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Berlin.
  • Shar’Ifa Dietra Malik (1999): „Titel“, in: Olumide Popoola, Beldan Sezen et al.: Talking Home. Heimat aus unserer eigenen Feder. Frauen of Color in Deutschland. Amsterdam.
  • Nassima Bougherara (2011): Die Rolle von Betreuern und Dolmetschern aus den Herkunftsländern, in: Almut Zwengel (Hg.): Die „Gastarbeiter“ der DDR. Politischer Kontext und Lebenswelt. Berlin/Münster, S. 137-152.
  • Harry Waibel (2014): Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR. Frankfurt am Main.
  • Sebastian Pampuch (2018): Afrikanische Freedom Fighter im Exil der DDR, in: Stephanie Zloch, Lars Müller und Simone Lässig (Hg.): Wissen in Bewegung. Migration und globale Verflechtungen in der Zeitgeschichte seit 1945. München, S. 321-348.
  • DOI: https://doi.org/10.1515/9783110538076-012 (zuletzt abgerufen: 22.72020)
  • Patrice Poutros (2020): Einwanderungsland Deutschland? Migrant*innen im Zuge der Deutschen Einheit, online: https://heimatkunde.boell.de/de/2020/04/06/einwanderungsland-deutschland-migrantinnen-im-zuge-der-deutschen-einheit (zuletzt abgerufen: 22.7.2020).
  • Matthias Quent (2014): Die extreme Rechte in Thüringen. Entwicklung der Neonaziszene, online: http://www.boell-thueringen.de/de/2014/03/24/die-extreme-rechte-thueringen-entwicklung-der-neonazi-szene (zuletzt abgerufen: 22.7.2020).

Zivilgesellschaftliches Aufarbeiten rassistischer und rechter Gewalt in Erfurt:

Dokumentationen