Gegen uns.

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık über Rassismus und ihre ermordeten Väter

Enver Şimşek wird am 9. September 2000 an seinem Blumenstand in Nürnberg-Langwasser niedergeschossen. Er stirbt zwei Tage später im Krankenhaus. Er ist das erste Todesopfer des NSU.

Am 4. April 2006 wird Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt erschossen. Er ist das achte Todesopfer des NSU.

Zwischen 2000 und 2007 ermordet das Neonazi-Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds noch acht weitere Menschen aus rassistischen und rechtsterroristischen Motiven: Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Bei drei rassistisch motivierten Bombenattentaten in Nürnberg (1999) und Köln (2001 und 2004) werden zwei Dutzend Menschen schwer verletzt. Zwischen 1998 und 2011 verübt das Netzwerk zudem 15 bewaffnete Raub- und Banküberfälle.

Die Töchter

Die Väter von Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık sind unter den Ermordeten. Als die Angehörigen sich untereinander vernetzen und sich am 6. Mai 2006 mit einer großen Demonstration in Kassel an die Öffentlichkeit wenden, lernen sich Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık kennen. Seitdem verbindet sie eine solidarische Freundschaft. Sie kämpfen gemeinsam – gegen den juristischen Schlussstrich vom 11. Juli 2018 in München – um Gerechtigkeit, um ein würdiges Gedenken und um vollständige Aufklärung des gesamten Neonazi-Netzwerks, das an der Ermordung ihrer Väter beteiligt war.

„Es macht uns wütend, dass man sehr viel über die Täter spricht, aber über die Opfer wenig berichtet.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Gemeinsames Gedenken an Mehmet Kubaşık in Dortmund im April 2022 und ein Rückblick auf die Demonstration „Kein 10. Opfer!“ am 6. Mai 2006 in Kassel. Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık berichten von ihrem Kennenlernen auf dieser Demo 2006, ihrer Freundschaft und ihrem gemeinsamen Kampf um Gerechtigkeit und Aufklärung, April 2022 in Dortmund

Familiengeschichten: Die Eltern

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık verbinden der Schmerz und die Sehnsucht nach ihren Vätern. Auch die Lebensgeschichten ihrer Eltern weisen viele Gemeinsamkeiten auf.

Mehmet Kubaşık und seine Familie

Mehmet Kubaşık wird am 1. Mai 1966 in Pazarcık im Süden der Türkei geboren. Nach seiner Schulzeit arbeitet er schon sehr jung im Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters. Gegen den Willen seiner Eltern heiratet er mit achtzehn Jahren seine Jugendliebe Elif. 1986 kommt ihre gemeinsame Tochter Gamze zur Welt.

Als alevitische Kurd*innen müssen Mehmet und Elif Kubaşık Ende der 1980er Jahre aus politischen Gründen ihre Heimat verlassen. Im Dezember 1978 sterben dort beim Pogrom von Maraş gegen alevitisch-kurdische Minderheiten mehr als hundert Menschen. Der Militärputsch in der Türkei im Juli 1980 führt zu massiven Repressionen gegen Kurd*innen, Oppositionelle und andere Minderheiten, die bis heute anhalten.

Vor der Flucht raten ihre Familienangehörigen Elif und Mehmet Kubaşık davon ab, die inzwischen fünfjährige Gamze mitzunehmen. Es würde hart werden mit einem kleinen Kind ohne sichere Bleibeperspektive und Unterkunft. Aber die Eltern wollen nicht ohne ihre Tochter gehen. 1991 beantragt die junge Familie politisches Asyl in Deutschland. Sie ziehen nach Dortmund und sehen die Stadt fortan als ihre Heimat.

Gamze und ihr Vater Mehmet Kubaşık einige Jahre nach der Ankunft in Dortmund, ca. 1995, Foto: Familie Kubaşık

 

„Mein Vater hat Dortmund sofort als Heimat akzeptiert.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Gamze Kubaşık spricht über die Fluchtgeschichte ihrer Familie und ihren Vater Mehmet Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Enver Şimşek und seine Familie

Enver Şimşek wird am 4. Dezember 1961 in der Türkei geboren und wächst in dem kleinen Dorf Salur in der Provinz Isparta auf. Als Jugendlicher schreibt er Liebesgedichte für Adile, ein Mädchen in seinem Dorf. 1979 heiraten die beiden. Damals lebt und arbeitet Adile schon in Friedberg in Hessen. Sie war zu ihrem Vater gezogen, der nach dem Anwerbeabkommen für sogenannte Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen war. Das Ehepaar führt bis 1986 eine Fernbeziehung, dann hat Enver Şimşek den obligatorischen Militärdienst in der Türkei hinter sich und folgt seiner Ehefrau Adile nach Hessen. 1986 wird die gemeinsame Tochter Semiya in Friedberg geboren. Ein Jahr später kommt ihr Bruder Abdulkerim auf die Welt. Enver Şimşek arbeitet zunächst für verschiedene Firmen, bis er sich schließlich 1992 mit einem Blumenhandel selbstständig macht. Die Selbständigkeit fordert aber viel Zeit und Aufmerksamkeit.

Semiya Şimşek, ihre Eltern und ihr Bruder im Flugzeug auf dem Weg in den Familienurlaub in der Türkei, Anfang der 1990er Jahre, Foto: Familie Şimşek

 

„Ich fühle mich sogar im Vergleich zu anderen Opferfamilien glücklich, weil ich mit ihm vierzehn Jahre verbringen durfte.“

Semiya Şimşek , April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek erzählt von der Migrationsgeschichte ihrer Eltern und von ihrem Vater Enver Şimşek, April 2022 in Dortmund

Familiengeschichten: Leben in Deutschland

Beide Familienväter bauen für ihre Familien ein sicheres Leben in Deutschland auf. Ihre Zukunftsvorstellungen und ihre Perspektiven auf Zuhausesein und Heimat unterscheiden sich.

Familie Kubaşık in Dortmund

Zwei Jahre nach dem Antrag auf Asyl wird die Familie Kubaşık als politische Flüchtlinge anerkannt. Ihre Söhne Ergün und Mert werden in Dortmund geboren. Mehmet Kubaşık ernährt die Familie mit unterschiedlichen Jobs und als Aushilfsarbeiter.

Nachdem die Familie im Jahr 2003 die deutsche Staatsbürgerschaft erhält, kauft Mehmet Kubaşık 2004 einen Kiosk in der Mallinckrodtstraße 190 in der Dortmunder Nordstadt und macht sich mit dem Laden selbstständig. Das kleine Geschäft hat von frühmorgens bis spät in die Nacht geöffnet. Im Familienbetrieb werden Süßigkeiten, Getränke, Zigaretten und Zeitschriften verkauft und alle helfen mit.

Mehmet Kubaşık ist in der Nachbarschaft beliebt und bei vielen Menschen bekannt. Die Familie hat in Dortmund ein Zuhause.

Familie Şimşek in Hessen

Enver Şimşeks Blumengroßhandel wächst schnell und hat zuletzt dreißig Mitarbeitende. Blumen werden zu Sträußen gebunden und an verschiedenen Orten in Deutschland verkauft. Enver Şimşek liefert mit einem Transporter die Blumen an die Standorte und springt auch als Verkäufer ein, wenn Mitarbeitende krank werden.

Adile Şimşek hatte bis zu ihrer Schwangerschaft als Angestellte gearbeitet, aber mit der Geburt der beiden Kinder die Versorgung der Familie übernommen. Im Blumengroßhandel arbeitet sie dann zusammen mit ihrem Mann.

Enver Şimşek träumt davon, vor seinem 40. Geburtstag in die Türkei zurückzugehen und ein Leben auf dem Land zu führen. Er wünscht sich ein Haus und ein großes Grundstück mit Tieren.

„… etwas Besseres für seine Familie zu bieten, das spielte eine große Rolle.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek sprechen über das Leben ihrer Eltern in Deutschland, April 2022 in Dortmund

Der Mord an Enver Şimşek

Enver Şimşek liefert normalerweise die Blumen zu dem Verkaufsstand an der Liegnitzer Straße in Nürnberg-Langwasser. Am Samstag, dem 9. September 2000, übernimmt er jedoch als Urlaubsvertretung dort auch den Verkauf.

Am Nachmittag verständigt ein Kunde die Polizei. Enver Şimşek wird bewusstlos und schwerverletzt in seinem Transporter gefunden. Er hatte dort zwei Stunden lang gelegen. Später rekonstruieren Ermittler*innen, dass der Familienvater gegen Mittag beim Sortieren von Blumen in seinem Lieferwagen durch acht Kugeln erschossen worden war. Die Täter hatten dabei zum ersten Mal auch eine Pistole der Marke Česká 83 verwendet. Lebensgefährlich verletzt wird Enver Simşek ins Klinikum Nürnberg-Süd eingeliefert.

Die vierzehnjährige Semiya wird am Sonntagmorgen darauf von einem Verwandten aus dem Internat in Aschaffenburg abgeholt und ins rund 200 Kilometer entfernte Klinikum in Nürnberg gebracht. Ihre Mutter, Adile Şimşek, wird von den Ermittler*innen erst verhört, bevor sie zu ihrem Ehemann ins Krankenhaus gelassen wird. Auch Semiya wird vernommen, allein. Eine erwachsene Begleitperson wird ihr verweigert.

Enver Şimşek verstirbt am folgenden Tag, am Montag, dem 11. September 2000, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Er ist 38 Jahre alt.

„Ich habe eigentlich gedacht, dass er nie sterben würde.“

Semiya Şimşek , April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek erinnert sich an den Tod ihres Vaters und die Ermittlungen gegen ihre Familie und Bekannte, April 2022 in Dortmund

„Die stillen Feinde sind die gefährlichsten. Die, von denen man nichts weiß. Die nicht herumlärmten und drohten, sondern einfach zuschlugen. Warum auch immer.“

Adile Şimşek in: Semiya Şimşek: Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater. Rowohlt Berlin, 2013, S. 177.

Familie Şimşek und die rassistische Ermittlungspraxis der Polizei

Nach der Rückkehr von der Beerdigung Enver Şimşeks in der Türkei und der kurzen Ruhe vor den deutschen Ermittlungsbehörden setzen die Verdächtigungen erst richtig ein.

Schnell rücken die Behörden Adile Şimşek als Hauptverdächtige ins Zentrum der Ermittlungen. Es folgen Wochen mit täglichen Polizeivernehmungen im gesamten sozialen Umfeld.

Zunächst behaupten die Ermittler*innen, Adile Şimşek habe ihren Ehemann gemeinsam mit ihren Brüdern aus Habgier ermordet. Dann unterstellt die Mordkommission des Polizeipräsidiums Nürnberg, dass der ermordete Blumengroßhändler wegen der beruflichen Fahrten nach Holland vermeintliche Verbindungen ins Drogenhandel-Milieu gehabt habe. Obwohl es keinerlei Indizien gibt, ermitteln die Beamt*innen ausschließlich in Richtung organisierter Kriminalität. Die trauernde Witwe Adile Şimşek und ihre damals zwölf- und vierzehnjährigen Kinder Abdulkerim und Semiya werden stundenlang ohne erwachsene Begleitpersonen vernommen. Die Familie wird observiert. Ihre Telefone werden abgehört, ihr Auto wird verwanzt. Die Lokalmedien verbreiten ungeprüft den Verdacht gegen die Familie und den Ermordeten. Familie und Freund*innen von Enver Şimşek werden öffentlich stigmatisiert.

Aufklärung darüber, dass Enver Şimşek von Neonazis ermordet wurde, erhält die Familie erst mehr als elf Jahre nach seinem Tod.

Der Mord an Abdurrahim Özüdoğru

Ein Dreivierteljahr nach dem Mord an Enver Şimşek wird am Nachmittag des 13. Juni 2001 der 49-jährige Abdurrahim Özüdoğru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen, die er neben seiner Arbeit als Metallfacharbeiter betreibt. Der Vater einer damals jugendlichen Tochter ist das zweite Opfer der rassistischen Mordserie. Daraufhin richtet das Polizeipräsidium Nürnberg eine Sonderkommission mit der rassifizierenden Bezeichnung „Halbmond“ ein.

Die Strafverfolgungsbehörden setzen ihre rassistische Ermittlungspraxis fort. Sie folgen rassistischen Stigmata und suchen nach einem Täter mit Migrationsgeschichte.

Die Familie wird weiter verdächtigt

Die Hinterbliebenen von Enver Şimşek leiden enorm unter den Verdächtigungen. Adile Şimşek erkrankt daran, die Familie verliert Freund*innen und einen Teil ihres sozialen Umfelds. Semiya übernimmt als Vierzehnjährige die Verantwortung, sich um ihre Mutter und ihren Bruder zu kümmern. Unterstützung erhält die trauernde und verwaiste Familie kaum.

Bis zur Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios gegenüber der Öffentlichkeit im November 2011 spricht Semiya selbst mit Menschen, mit denen sie eng verbunden ist, kaum noch über den unaufgeklärten Mord an ihrem Vater.

„2011 hab ich keine Hilfe mehr gebraucht. Mit vierzehn hätte ich Hilfe gebraucht.“

Semiya Şimşek , April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek erinnert sich an die elf Jahre währenden Verdächtigungen gegen ihre Familie und an ihre Isoliertheit, April 2022 in Dortmund

Der Mord an Mehmet Kubaşık

Am Dienstag, dem 4. April 2006, frühstückt Mehmet Kubaşık mit seiner Frau Elif. Sie hat Besuch von ihrer Schwester aus London. Mehmet nimmt ihr deswegen die Mittagsschicht im Kiosk ab. Am Nachmittag soll die zwanzigjährige Gamze nach ihrem Schultag in der Berufsschule zum Kiosk kommen und ihren Vater dort ablösen.

Gegen Mittag wird Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße 190 in Dortmund erschossen. Er stirbt mit 39 Jahren. Mehmet Kubaşık ist das achte Mordopfer des neonazistischen Terrornetzwerks NSU. Er hinterlässt seine Ehefrau und seine drei Kinder im Alter von sechs, zwölf und zwanzig Jahren.

„Anne, Baba ist tot.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Gamze Kubaşık erinnert sich an den Tag des Mordes an ihrem Vater, April 2022 in Dortmund

Die Ermittlungen gegen den ermordeten Mehmet Kubaşık und seine Familie

Auch nach dem Mord an Mehmet Kubaşık stehen der Ermordete und seine Angehörigen im Fokus der Ermittlungen. Nur 24 Stunden nach seinem Tod werden Gamze Kubasik, ihre Mutter Elif und ihre zwei kleinen Brüder acht Stunden lang verhört.

Die Ermittler*innen konstruieren Drogengeschäfte, PKK- und Mafiakontakte sowie Ehebrüche. Die Polizei streut mit suggestiven Befragungen in der Nachbarschaft den Vorwurf, Mehmet Kubaşık habe Drogen an Jugendliche verkauft. Das sich verbreitende Gerücht isoliert die Familie und verursacht Schmerz und Verzweiflung. Die Aussage einer Zeugin, die die Täter als weiße Deutsche mit Fahrrädern beschreibt, die „wie Neonazis aussahen“, werden von der Mordkommission als unglaubhaft eingestuft, verkürzt und nicht in Abschlussberichte übernommen.

„Die Behörde, die Polizei, hat die Ehre meines Vaters kaputt gemacht.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Gamze Kubaşık erinnert sich an die Kriminalisierung durch die Polizei und die folgende soziale Isolierung, April 2022 in Dortmund

Selbstorganisierung und Kampf

Betroffene und Angehörige organisieren die Demonstration „Kein 10. Opfer!“ am 6. Mai 2006 in Kassel

Am 6. April 2006, zwei Tage nach dem Mord an Mehmet Kubaşık, wird der 21-jährige Halit Yozgat an seinem Arbeitsplatz im Internetcafé in der Holländischen Straße in Kassel ermordet. Er ist das neunte Todesopfer der NSU-Mord- und Anschlagsserie. Nur wenige Wochen später organisiert sein Vater İsmail Yozgat mit weiteren Angehörigen und Freund*innen für den 6. Mai 2006 die Demonstration „Kein 10. Opfer!“. Die Familien Kubaşık und Şimşek reisen nach Kassel. Die Familien sind bereits untereinander vernetzt und im Telefonkontakt. Schon lange vermuten sie, dass es Rassist*innen sind, die ihre Angehörigen ermordet haben. Doch statt ihnen endlich zuzuhören, wischt die Leitung der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) mit dem Namen „Bosporus“ ein FBI-Gutachten und ein Gutachten der Profiler*innen des LKA Bayern vom Tisch, das die Mordserie als rassistische Hasskriminalität bewertet. Weil sie sehen, dass die Ermittlungen ins Leere gehen, haben die Angehörigen große Angst um weitere Opfer. Jede falsche Spurensuche der Strafverfolgungsbehörden kann dazu führen, dass ein weiterer Mord geschieht.

Über 4000 Menschen schließen sich der Demonstration in Kassel an. Einen Monat später organisiert die Familie von Mehmet Kubaşık mit Freund*innen und der Alevitischen Gemeinde eine weitere Demonstration für den 11. Juni 2006 in Dortmund, an der sich mehrere hundert Menschen beteiligen.

„Wir haben die Demonstration 2006 in Dortmund organisiert, weil wir in aller Öffentlichkeit schnelle Aufklärung fordern wollten.“

Elif Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Die Videoaufnahmen zeigen Aufnahmen von den Demonstrationen am 6. Mai 2006 in Kassel und am 11. Juni 2006 in Dortmund. Der Film wurde 2012 zusammengestellt von der Gruppe „was nun?!“. Videomaterial Kassel: Sefa Defterli, 2006. Quelle: https://www.nsu-watch.info/2014/01/kein-10-opfer-kurzfilm-ueber-die-schweigemaersche-in-kassel-und-dortmund-im-maijuni-2006/

Solidarisch gegen rassistische Ermittlungen

Die Hinterbliebenen sprechen ihre Überzeugung und Vermutungen, dass es sich bei den Täter*innen um Neonazis handeln müsse, jahrelang vergeblich gegenüber den Polizeibeamt*innen der Mordkommissionen und der „BAO Bosporus“ aus. Nach dem Trauermarsch „Kein 10. Opfer!“ in Kassel sitzen die Familien aus den verschiedenen Tatortstädten in einem türkischen Vereinsheim zum ersten Mal zusammen. Beim Tee berichten sie einander, unter welchen Umständen ihre Väter, Brüder und Ehemänner starben, und versuchen, Gemeinsamkeiten zu finden.

„Ich war sehr aufgeregt: Ich treffe Familien, die das gleiche Schicksal tragen.“

Gamze Kubaşık, April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık berichten von den Demonstrationen in Kassel und Dortmund 2006, April 2022 in Dortmund

Die Selbstenttarnung

Noch im Februar 2011, wenige Monate vor der Selbstenttarnung des NSU-Kerntrios, berichtet das Magazin „Der Spiegel“ über eine der unzähligen durch institutionellen Rassismus generierten vermeintlichen Spuren in ein „kriminelles Milieu“, als handele es sich um eine Tatsache.

Der Spiegel, 20.02.2011

Die Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gegenüber der Öffentlichkeit, den Medien und den Strafverfolgungsbehörden am 4. November 2011 nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach markiert eine Zäsur in der Geschichte und Gegenwart der Bundesrepublik. Der tiefe Abgrund des Dunkelfelds rechtsterroristisch-rassistischer Gewalt und organisierter neonazistischer Strukturen der Baseballschlägerjahre und Jahrtausendwende zeigt sich. Doch Konsequenzen für die Institutionen des Rechtsstaats, die die Ermordeten und ihre Familien im Stich gelassen hatten, gibt es kaum.

Fehlerhafte und erfolglose Ermittlungen

Die Ermittlungsbehörden hatten die Mordserie bis zur Selbstenttarnung nicht aufgeklärt. Institutioneller Rassismus hatte einen Ermittlungserfolg verhindert und im Zusammenspiel mit dem Prinzip der Verfassungsschutzämter, ihre V-Leute im Netzwerk der NSU-Unterstützer*innen zu schützen und ihr Wissen über die Bewaffnung und die Terrorpläne des NSU-Netzwerks nicht mit der Polizei zu teilen, dazu geführt, dass die Mordserie nicht gestoppt und das seit 1998 polizeilich gesuchte NSU-Kerntrio nicht festgenommen wurde – obwohl dies aufgrund der vielen Informationen durch V-Leute über den Aufenthalt der gesuchten Neonazis in Chemnitz bis 2001 möglich gewesen wäre.

Täter*innen-Opfer-Umkehr durch Ermittlungsbehörden und Medien

Stattdessen hatten die Ermittler*innen über Jahre auch öffentlich schwerste Vorwürfe gegen verzweifelte Hinterbliebene erhoben, die weder über mediale Zugänge noch Ressourcen oder gar gesellschaftliche Unterstützung verfügten, um ihrer Perspektive Gehör zu verschaffen.

Die Wechselwirkung zwischen der von institutionellem Rassismus geprägten Ermittlungsführung und der dem polizeilichen Ansatz blind folgenden Berichterstattung hatte nicht nur gravierende Folgen für die Opferangehörigen, sondern auch die Täter*innen bestärkt. Der NSU hatte ein akribisches Archiv über die Berichterstattung nach den jeweiligen Morden und Anschlägen geführt und war präzise über die Ermittlungsrichtung informiert.

Verfassungsschutz und Polizei waren untätig geblieben

Parallel dazu hatte der Verfassungsschutz zwischen 1998 und der NSU-Selbstenttarnung 2011 wider besseres Wissen behauptet, es gebe keine neonazistischen Terrorstrukturen oder gar Netzwerke in Deutschland.

Der damalige Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und langjährige Geheimdienstbeauftragte der Bundesregierung, Klaus-Dieter Fritsche etwa hatte 2003 nach einem verhinderten Neonazi-Anschlag auf den Münchener Synagogenneubau geschrieben: In der Presse wird angeführt, dass es im Rechtsextremismus sehr wohl ein potentielles Unterstützerfeld [für Rechtsterrorist*innen] gebe. Hierzu wird auf drei Bombenbauer aus Thüringen verwiesen, die seit mehreren Jahren ‚abgetaucht‘ seien und dabei sicherlich die Unterstützung Dritter erhalten hätten. Dem ist entgegenzuhalten, dass diese Personen auf der Flucht sind und – soweit erkennbar – seither keine Gewalttaten begangen haben. Deren Unterstützung ist daher nicht zu vergleichen mit der für einen bewaffneten Kampf aus der Illegalität.“  (Quelle: Abschlussbericht des 1. NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag. BT-Drs. 17/14600). Zu diesem Zeitpunkt hatte das NSU-Netzwerk schon Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü und Habil Kılıç ermordet, einen Sprengstoffanschlag verübt und mehrere Banken überfallen. Nach zahlreichen Razzien mit Waffen- und Sprengstofffunden sowie Informationen von V-Leuten zum Aufbau von bewaffneten Neonazistrukturen waren Polizei und Geheimdienste zudem über den steigenden Grad der Militanz der Neonazibewegung gut informiert gewesen.

Vierzehn parlamentarische Untersuchungsausschüsse in fast allen Tatortstädten und im Bundestag hatten sich in der Folge der Selbstenttarnung mit vielen verschiedenen Aspekten von staatlichen Fehlern, von Versagen und Kontinuitäten – insbesondere bei Polizei, Justiz und Verfassungsschutzämtern – beschäftigt.

„Ich hatte mein Vertrauen in die Medien total verloren in diesen Jahren.“

Semiya Şimşek, April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık erinnern sich an die Selbstenttarnung des NSU und an die Monate danach, April 2022 in Dortmund

Kein Vertrauen in Medien und Polizei

Die Angehörigen der Ermordeten hatten durch die rassistische Täter*innen-Opfer-Umkehr der Ermittler*innen sämtliches Vertrauen in die Institution Polizei, und auch in die Medien verloren. Schließlich war die Berichterstattung der allermeisten Journalist*innen unkritisch den Behauptungen der ermittelnden Sonderkommission „BAO Bosporus“ und ihres Leiters gefolgt und hatte deren institutionellen Rassismus reproduziert. Anstatt die Perspektive der Hinterbliebenen in die Berichterstattung einzubeziehen und die Ermittlungshypothesen der Polizei kritisch zu hinterfragen, hatten Journalist*innen das rassistische Narrativ von „Döner-Morden“ und andere kriminalisierende und rassistische Stereotype verbreitet.

Dass am 4. November 2011 in einem Wohnwagen in Eisenach die Leichen von zwei polizeibekannten Neonazis gefunden werden, und anschließend im Brandschutt einer ausgebrannten Zwickauer Wohnung auch die Tatwaffe Česká 83, mit der Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru und İsmail Yaşar ermordet wurden sowie jeweils Bekenner*innen-DVDs des Nationalsozialistischen Untergrunds zu den zehn rechtsterroristischen Morden und zwei Attentaten in Köln, erfahren die Familien Kubaşık und Şimşek nicht vom Bundeskriminalamt oder den lokalen Polizeibehörden, sondern aus der Fernseh- und Radioberichterstattung.

Ein Staatsakt und ein Versprechen

Am 23. Februar 2012 findet im Konzerthaus in Berlin ein Staatsakt für die Opfer der NSU-Mord- und Anschlagsserie statt. Für die Hinterbliebenen sprechen dort İsmail Yozgat, Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık. Ihnen und der Gesellschaft verspricht die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  umfassende Aufklärung.

Der Prozess am Oberlandesgericht München

Am 6. Mai 2013 beginnt am Oberlandesgericht München der Strafprozess gegen das überlebende Mitglied des NSU-Kerntrios als Mittäterin und vier weitere Angeklagte als Gehilfen. Am Verfahren beteiligt sind 95 Nebenkläger*innen mit 60 Anwält*innen. Fünf Jahre dauert der Prozess, 540 Zeug*innen werden gehört. Nach 373 Verhandlungstagen endet am 18. Juli 2017 die Beweisaufnahme.

Die Urteilsverkündung

Fast ein Jahr später, am 11. Juli 2018, verkündet der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl, die Urteile. Gegen das überlebende Mitglied des NSU-Kerntrios wird gemäß der Forderung der Anklage eine lebenslange Freiheitsstrafe verhängt und die besondere Schwere ihrer Schuld festgestellt. Die vier engsten Unterstützer erhalten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren.

In der mündlichen Urteilsverkündung am 11. Juli 2018 richtet der Vorsitzende Richter kein Wort an die Angehörigen und Überlebenden der Anschläge. 

„Die Urteilsverkündung war entsetzlich für uns Familien.“

Semiya Şimşek, April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık berichten über die Konfrontation mit den Angeklagten im Prozess am Oberlandesgericht München und die Missachtung der Hinterbliebenen durch das Gericht, April 2022 in Dortmund

Keine Aufklärung

Juristisch ist der Prozess an jenem Tag zwar abgeschlossen, doch wurden weder die Fragen der Opfer und Angehörigen beantwortet, noch aufgeklärt, inwiefern der institutionelle Rassismus und die Verstrickungen des Verfassungsschutzes und der Polizei zum NSU-Komplex beigetragen haben. Wer waren die Helfershelfer*innen? Was wussten Polizei und Verfassungsschutz und warum werden ihre Spitzel gedeckt? Wie kann es nach einem solchen Skandal in der Geschichte des Landes immer noch dermaßen milde Urteile gegen die Angeklagten geben? Die Angehörigen empfinden das Urteil als Schlag ins Gesicht und eine weitere institutionelle Verhöhnung der Opfer.

Im Dezember 2021 verwirft der Bundesgerichtshof die Revisionsanträge der Nebenkläger*innen und der Bundesanwaltschaft gegen das Urteil des Oberlandesgerichts München.

Einstellung des Verfahrens

Im September 2022 stellt der Generalbundesanwalt die elf Jahre verschleppten Ermittlungen gegen fünf engste Unterstützer*innen des NSU-Kerntrios ohne Anklage ein, gegen die wegen Beschaffung von Waffen, Sprengstoff, Wohnungen, Autos und Ausweispapieren und sowie Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ermittelt worden war.

„Wir dürfen niemals aufgeben!“

Semiya Şimşek, April 2022 in Dortmund

Semiya Şimşek und Gamze Kubaşık sprechen über ihren geteilten Schmerz und ihren Kampf um Aufklärung und Erinnerung, April 2022 in Dortmund

„Wir haben während des Prozesses relativ schnell verstanden, dass wir keine lückenlose Aufklärung bekommen werden. Aber ich hatte mir erhofft, dass wenigstens die fünf Angeklagten gerechte Strafe bekommen, und auch hier wurden wir enttäuscht. Die Nazis im Gericht jubelten nach der Urteilsverkündung. Eine Erkenntnis nehme ich nach meiner Enttäuschung und Wut mit: Wir sind NICHT ALLE gleich vor dem deutschen Gericht.“

Gamze Kubaşık am 11. Juli 2023 anlässlich des fünften Jahrestages der Urteilsverkündung

„438 Verhandlungstage wurden durchgeführt. Ich beschäftige mich immer noch mit den gleichen Fragen, die ich seit dem 09.09.2000 mit mir trage. Warum mein Vater? Nach welchen Kriterien wurden die Opfer ausgesucht? Wir haben sehr wenig Aufklärung und Aufarbeitung bekommen. Schade! Ich hatte mir Gerechtigkeit erhofft, jedoch wurden wir enttäuscht. Wir können ohne Antworten und ohne Gerechtigkeit nicht abschließen.“

Semiya Şimşek am 11. Juli 2023 anlässlich des fünften Jahrestages der Urteilsverkündung