Gegen uns.

Der rassistische Mord an Jorge Gomondai

Am 6. April 1991 stirbt Jorge Gomondai in Dresden. Er ist 28 Jahre alt.

Neonazis hatten ihn wenige Tage vorher, in der Nacht zum Ostersonntag, dem 31. März 1991, in einer Straßenbahn rassistisch beleidigt, geschlagen, bedroht und dann aus der fahrenden Bahn gestoßen. Er erleidet bei diesem Sturz schwerste Kopfverletzungen und stirbt nach sechs Tagen im Koma auf der Intensivstation der Medizinischen Akademie Dresden.

Jorge Gomondai ist das erste Todesopfer rassistischer Gewalt in Sachsen nach der Wiedervereinigung. Sein Tod hat das Leben vieler Menschen in Dresden nachhaltig verändert.

„Dann war nichts mehr so, wie es mal war.“

Emiliano Chaimite, Dresden 2020

Emiliano Chaimite, Olga M. und Danilo Starosta erinnern sich an das Jahr 1991 und den Tod von Jorge Gomondai, Dresden im Januar 2020

Erinnerungen an Jorge Gomondai

Der Beginn der 1990er Jahre ist geprägt durch den Auf- und Umbruch, den die Öffnung der Mauer und das Ende der DDR mit sich brachten. Immer deutlicher sind nationalistische Töne zu hören. Rechte Angriffe gegen Migrant*innen und linke Jugendliche nehmen zu, die Strafverfolgungsbehörden reagieren kaum: Polizeibeamte werden Zeug*innen von Angriffen, ohne einzugreifen. Staatsanwaltschaften stellen Ermittlungsverfahren gegen Neonazis reihenweise ein. Die bejubelte Wiedervereinigung bedeutet für die ausländischen Studierenden und Arbeiter*innen der ehemaligen DDR vor allem Unsicherheit und Angst. Ihr Aufenthaltsstatus und damit ihre Zukunft sind ungewiss. 1989 leben 90.000 Vertragsarbeiter*innen in der DDR, 17.000 davon aus Mosambik. Die allermeisten werden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt.

Jorge Gomondai lebt seit 1981 in der DDR. Als Achtzehnjähriger war er gemeinsam mit vielen anderen jungen Mosambikaner*innen als Vertragsarbeiter voller Hoffnungen nach Dresden gekommen.

Eine ganz normale Familie in Mosambik

Im Dezember 1962 wird Jorge Gomondai in der Provinz Manica in Mosambik geboren. Er ist das dritte von insgesamt sieben Geschwistern. Mosambik ist zu diesem Zeitpunkt noch portugiesische Kolonie, erst 1975 gewinnt das südostafrikanische Land seine Unabhängigkeit. Die Familie Gomondai lebt wie die Bevölkerungsmehrheit in einfachen Verhältnissen. Der Vater arbeitet in einer Textilfabrik. Nebenbei bebauen sie ein kleines Stück Land.

Jorge mit Bruder Pita und Mutter Luisa Nhandima Gomondai, 1965 © Pita Gomondai

Jorge und sein älterer Bruder Pita wachsen gemeinsam auf. Die gesellschaftliche Aufbruchstimmung in Mosambik in den ersten Jahren der Unabhängigkeit nutzen beide und besuchen weiterführende Schulen in der Stadt Chimoio. Im Februar 1979 schließen Mosambik und die DDR ein Regierungsabkommen, das unter anderem die zeitweilige Beschäftigung junger mosambikanischer Arbeitskräfte in der DDR vorsieht. Bedingung für die Teilnahme an diesem Programm sind Volljährigkeit und mindestens vier Jahre Schulbildung.

Gerade achtzehn Jahre alt geworden, ergreift Jorge die Gelegenheit ins Ausland zu gehen und bewirbt sich für eine Ausbildung und Arbeit in der DDR. Im Sommer 1981 verlässt er Mosambik. Seine Familie sieht er danach nur noch selten. Erst nach vier Jahren, 1985, kann er in den Ferien wieder zu Besuch kommen. Seine jüngeren Schwestern sehen ihn zum ersten Mal.

„Ich habe mich für ihn gefreut und gesagt: Aber vergiss deinen Vater und deine Mutter nicht.“

Luisa Nhandima Gomondai, 2020 in Chimoio, Mosambik

Jorge Gomondais Mutter Luisa Nhandima Gomondai und seine Geschwister Pita, Carlotta und Angelina, Februar 2020 in Chimoio, Mosambik

Leben in der DDR

Am 4. November 1980 kommen die ersten neunzig Vertragsarbeiter*innen aus Mosambik im Fleischkombinat Dresden an. Vorgesehen ist ein Aufenthalt von vier bis fünf Jahren, in denen die jungen Mosambikaner*innen für die Betriebe der DDR arbeiten und eine Ausbildung erhalten sollen. Anschließend, so sieht es der Staatsvertrag von 1979 vor, sollen sie nach Mosambik zurückkehren und dort „den Aufbau des sozialistischen Heimatlandes“ vorantreiben.

© Hans-Peter Waack, 1980

Ankunft in Dresden

Am 10. Juli 1981 landet eine Maschine der mosambikanischen Fluggesellschaft LAM auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Einer der Passagiere ist der achtzehnjährige Jorge Gomondai. Zusammen mit der Gruppe von siebzig jungen Menschen wird er von Vertretern des VEB Fleischkombinats begrüßt. Nach der Zollabfertigung bringen zwei Busse sie nach Dresden.
In einer fünfmonatigen Eingewöhnungsphase lernen die jungen Erwachsenen Dresden und den Betrieb kennen. Sie erhalten polytechnischen Unterricht, einen Intensivlehrgang Deutsch und theoretischen Unterricht zur Vorbereitung auf ihre Arbeit im Schlachthof. Außerdem hören sie Vorträge über die DDR und nehmen an Exkursionen in andere Betriebe und zur Nationalen Volksarmee teil.

Deutsch für den Schlachthof

In den ersten Wochen ihres Aufenthalts erhalten die jungen Vertragsarbeiter*innen täglich Deutschunterricht. Um sie optimal auf ihren Einsatz im Betrieb vorzubereiten, werden sogar eigene Sprachfibeln für die verschiedenen Berufsgruppen gedruckt.

Noch bevor die Schüler*innen auf Deutsch ihre eigenen Bedürfnisse formulieren können, lernen sie Fachbegriffe für die Grobzerlegung von Schweinen und die genauen Berufsbezeichnungen der Vorgesetzten. Damit wird auch sprachlich der Rahmen abgesteckt, in dem sie sich in den nächsten Jahren bewegen sollen.

„Unsere Klassenpflicht gebietet es, den moçambiquanischen Werktätigen zu helfen, die negativen Folgen des Jahrhunderte währenden Kolonialregimes schrittweise zu überwinden.“

aus: „Schlachthofturm“, Betriebszeitung des VEB Schlacht- und Verarbeitungsbetriebes Dresden, Ausgabe 17 vom 29. September 1980, S. 5

Arbeit im Fleischkombinat

Die Bedingungen für den Einsatz ausländischer Werktätiger in der DDR sind über Regierungsabkommen geregelt und werden im Sinne der sozialistischen Machthabenden propagandistisch begleitet. Der Aufenthalt der Arbeiter*innen aus Mosambik wird zu einem einseitigen solidarischen Akt der DDR erklärt. Dass deren Wirtschaft die Arbeitskräfte dringend braucht, wird dabei verschwiegen. Mosambikaner*innen werden durchweg als Lernende beschrieben, die die Unterstützung der DDR-Bevölkerung für den Fortschritt und ihre Entwicklung benötigen.

Jorge Gomondais Alltag in Dresden findet hauptsächlich bei der Arbeit im Schlachthof statt. Die Betriebszeitung „Schlachthofturm“ berichtet regelmäßig von den Erfolgen bei der Ausbildung der mosambikanischen Arbeiter*innen. Auch von Jorge erscheint 1987 ein Bild im „Schlachthofturm“.

Jorge Gomondai (re.) mit einem Kollegen bei der Wurstproduktion („Schlachthofturm“ 1987, Ausgabe 7, S. 5)

Fußballer unter sich

Wie in vielen anderen Betrieben gründen auch Vertragsarbeiter*innen im Fleischkombinat Dresden eigene, nach Herkunftsländern getrennte Fußballmannschaften. Eigenständige Vereine dürfen sie nach den Regeln des Turn- und Sportbundes der DDR nicht gründen, nur ausländische Mannschaften innerhalb eines bestehenden Vereins sind erlaubt.

Auch Jorge spielt und trainiert regelmäßig in der mosambikanischen Fußballmannschaft des Betriebs.

(Foto aus: „Schlachthofturm“, Ausgabe 5 vom 10. Mai 1982, S. 7)

Das Wohnheim

In einem zehnstöckigen Plattenbau in der Florian-Geyer-Straße 48 in Dresden-Johannstadt richtet der Betrieb ein Wohnheim für die mosambikanischen Vertragsarbeiter*innen ein. Ein ganzer Hauseingang in diesem Block ist für sie reserviert. Kontakt mit deutschen Nachbar*innen gibt es deshalb kaum. Sechs bis acht Kolleg*innen teilen sich eine Wohnung. Eine eigene Wohnung außerhalb des Wohnheims zu mieten ist nicht gestattet.

Jorge wohnt mit fünf Kollegen in einer Dreiraumwohnung im sechsten Stock.

© SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Herbert Boswank, http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87717775

Aus dem Fotoalbum von Jorge Gomondai

Die Bilder, die Jorge in sein Fotoalbum einklebt und die er an die Familie in Mosambik schickt, zeigen wenig von seinem Alltag. Aber: Sie zeigen einen stolzen und fröhlichen jungen Mann, der erfolgreich in Deutschland angekommen ist.

Leider fehlen weitere Angaben über Ort und Zeit der Entstehung der Bilder.

  • Fotoalbum Jorge Gomondai

    Vermutlich im Wohnheim, ca. 1981/82, © Pita Gomondai

  • Ort unbekannt, ca. 1985/86, © Pita Gomondai

Ausgrenzung in der DDR

Trotz der offiziellen Erzählung von Solidarität und Freundschaft haben die DDR-Bevölkerung und die Vertragsarbeiter*innen wenig Kontakt. Integration und ein dauerhafter Aufenthalt in der DDR sind nicht erwünscht. Eheschließungen mit Deutschen sind verboten, Liebesbeziehungen nicht gerne gesehen. Vertragsarbeiterinnen, die schwanger werden, müssen das Land verlassen. Unter der DDR-Bevölkerung kursieren Vorurteile und Gerüchte über angebliche Devisengeschäfte der Migrant*innen. Immer öfter werden sie in Kneipen, Diskotheken, aber auch in Zügen und Bussen rassistisch angefeindet und angegriffen.

In diese Situation hinein kommt Olga M. 1986 aus Mosambik nach Sachsen. Sowohl in Mosambik als auch in der DDR hat sich die Situation verändert. Mitte der achtziger Jahre ist der Arbeitskräftemangel in der DDR enorm, und der Einsatz im Betrieb erfolgt sehr schnell. Eine fundierte Ausbildung erhält die junge Frau nicht.

„Für mich war das keine Ausbildung, das war nur Kraftarbeit .“

Olga M., Dresden 2020

Olga M. erzählt von ihrer Ankunft und ihrem Leben in der DDR und warum sie sich entschieden hat, in Deutschland zu bleiben, Januar 2020

Organisierte rechte Gewalt in der DDR


1987 überfallen Neonazis ein Punkkonzert in der Zionskirche in Ostberlin. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist offensichtlich, was Vertragsarbeiter*innen, ausländische Studierende und alternative Jugendliche schon lange wissen: Es gibt organisierte Neonazis in der DDR. Roman Kalex ist als Jugendlicher seit Mitte der achtziger Jahre in der oppositionellen Gruppe „Wolfspelz“ politisch aktiv. Rechte Schlägertrupps, die linke Jugendliche in der Disco angreifen, erlebt er häufig.
Er ist nicht überrascht, als 1989 die Demonstrationen gegen die DDR-Regierung bald von nationalistischen Tönen durchdrungen sind. Auch in Dresden wird aus den Rufen der Montagsdemonstrationen „Wir sind das Volk“ schnell „Wir sind EIN Volk“.

Montagsdemonstration 29.01.1990 in Dresden, © Bundesarchiv, Bild 183-1990-0129-032 / Hiekel, Matthias

Für Danilo Starosta ist die Konfrontation mit aggressivem und gewalttätigem Rassismus seit seiner Kindheit Alltagsrealität. Doch die öffentlichen und organisierten Aufmärsche von Neonazis werden nun von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt. Das verstärkt die Bedrohung massiv.

„In meiner Wahrnehmung gibt es die friedliche Revolution so nicht.“

Danilo Starosta, Dresden 2020

Danilo Starosta und Roman Kalex berichten über rechte Gewalt in Dresden Ende der achtziger Jahre, Dresden im Januar 2020

Neuer Nationalismus

Das Ende der DDR und der Anfang der neunziger Jahre sind gezeichnet von einem Machtvakuum – der Staat, insbesondere die Strafverfolgungsbehörden, wirken in den neuen Bundesländern überwiegend hilfslos und ohnmächtig. Für viele Deutsche äußert sich das in ungekannten Freiräumen.

Unter dem Deckmantel einer falsch verstandenen neuen „Meinungsfreiheit“ verbreiten offen rechte Jugendliche ihre rassistischen und nationalistischen Ansichten. Die Elterngeneration unterstützt sie dabei oder schaut weg. Gewalt und Bedrohung gegen Migrant*innen und Linke sind an der Tagesordnung und werden von den meisten Deutschen als normal hingenommen.

© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0115-032 / Kluge, Wolfgang

Ungewisse Zukunft für Migrant*innen

Mit dem Ende der DDR werden auch die Regierungsabkommen zwischen der DDR und der Volksrepublik Mosambik für ungültig erklärt. Das bedeutet in der Regel das Ende der Arbeitsverträge und auch der dazugehörigen Unterkünfte für Vertragsarbeiter*innen. Im Schlachthof Dresden werden die Mosambikaner*innen 1990 als Erste entlassen. Sie müssen aus dem betriebseigenen Wohnheim in der Florian-Geyer-Straße ausziehen und werden in das Übergangswohnheim in der Holbeinstraße 42 im selben Stadtteil umquartiert. Mehrfach wird dieses Wohnheim 1990/91 attackiert und zum Teil mit Brandsätzen angegriffen.

Abfindung nur bei Ausreise

Die Vertragsarbeiter*innen erhalten wegen der vorzeitigen Beendigung ihrer Verträge eine Abfindung von 3.000 D-Mark. Ausgezahlt wird das Geld nur, wenn sie das Land verlassen. Einige Mosambikaner*innen werden vom ehemaligen Fleischkombinat weitervermittelt an einen Fleischbetrieb in Pirna. Die meisten sind arbeitslos und müssen das Land verlassen.

Jorge Gomondai gehört zu den wenigen, die trotz vieler Schwierigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland um Aufenthaltsgenehmigung, Wohnung und Arbeit kämpfen. Er pendelt zwischen verschiedenen Bundesländern.
Anfang 1991 fährt er gemeinsam mit Olga M. nach Rotterdam. Sie wollen sich die Arbeitsbedingungen im dortigen Schlachthof ansehen, denn der Schlachthof in der niederländischen Hafenstadt sucht Arbeitskräfte. Jorge erhält einen befristeten Arbeitsvertrag.

Kurz vor Ostern 1991 kehrt Jorge Gomondai von einem dreiwöchigen Aufenthalt in Rotterdam nach Dresden zurück.

 

Todesursache: Rassismus

In den frühen Morgenstunden des 31. März 1991 steigt Jorge Gomondai in die Straßenbahn Linie 7 ein. Er ist auf dem Heimweg in das Wohnheim im Stadtteil Johannstadt. Kurz nach 4 Uhr steigen am Platz der Einheit in der Dresdner Neustadt die letzten Fahrgäste aus. Nun steigt eine Gruppe von etwa 14 Neonazis zu Jorge Gomondai in den hintersten Waggon ein.

Diese Gruppe war schon vorher gewalttätig durch das alternative Viertel Neustadt gezogen und hatte dort Kneipen angegriffen und mindestens eine weitere Person zusammengeschlagen. Bei der Polizei waren deshalb in dieser Nacht schon mehrere Notrufe eingegangen. Die Gruppe war kurz vor dem Betreten der Straßenbahn am Platz der Einheit bereits von der Polizei kontrolliert worden, allerdings ohne Folgen.

© Werner Kohlert, 1991

Angriff in der Straßenbahn

Zeug*innen beschreiben später vor Gericht: Die Neonazis gehen unmittelbar auf Jorge Gomondai los. In seiner Not versucht er noch vergeblich, seinen Angreifern beschwichtigend die Hand hinzustrecken. Doch die Männer im Alter von 17 bis 27 Jahren traktieren ihn mit Schlägen, beleidigen ihn, bedrohen ihn. Sie hangeln sich an den Haltestangen entlang und imitieren Affenlaute.

Tatverlauf ungeklärt

Bis heute sind zentrale Fragen über den weiteren Tatverlauf offen: Wird Jorge Gomondai von den Neonazis schließlich aus der fahrenden Straßenbahn gestoßen? Oder versucht er aus Angst vor seinen Angreifern aus dem Waggon zu springen? Die verschleppten, fehler- und lückenhaften polizeilichen Ermittlungen und das mehr als zwei Jahre nach der Tat verhängte Urteil in einem kurzen Gerichtsverfahren am Landgericht Dresden bringen keine Antworten darauf. Jorge Gomondai erleidet bei dem Sturz aus der Straßenbahn schwerste Verletzungen am Kopf und bleibt bewusstlos auf dem Pflaster liegen.

Ein vergeblicher Polizeinotruf

Ein Taxifahrer, der den Bewegungslosen auf der Straße sieht, verständigt über Funk die Polizei. Währenddessen leisten die beiden Frauen, die bei ihm mitgefahren waren, erste Hilfe. Nachdem die Polizei eintrifft, sagen weitere Augenzeug*innen vor Ort aus, dass Jorge Gomondai geschlagen und aus der Bahn gestoßen wurde. Trotzdem reagieren die Beamten nicht und nehmen keine Ermittlungen auf. Stattdessen behaupten sie, der Schwerverletzte sei betrunken und ohne einen Strafantrag durch ihn könnten sie nichts unternehmen.
Jorge Gomondai wird anschließend auf die Intensivstation der Medizinischen Akademie „Carl Gustav Carus“ Dresden eingeliefert. Er erlangt das Bewusstsein nicht mehr wieder.

Er stirbt nach sechs Tagen im Koma am 6. April 1991 um 14:45 Uhr im Alter von 28 Jahren.

Trauer um Jorge Gomondai

Wenige Tage nach seinem gewaltsamen Tod findet in Dresden ein Trauermarsch für Jorge Gomondai statt. Doch niemand hat die Familie in Mosambik davon informiert.

Familie Gomondai in Mosambik erfährt nicht, dass Jorge Gomondai in Dresden im Krankenhaus liegt und um sein Leben ringt. Auch von seinem Tod am 6. April 1991 wird sie nicht benachrichtigt. Ein Freund hört zufällig im staatlichen Radiosender, dass in Deutschland ein Mosambikaner gestorben sei. Er informiert Jorges Bruder Pita Gomondai. Erst als dieser selbst nachforscht, bestätigen offizielle Stellen, dass sein Bruder Jorge tot ist. Es beginnt ein zäher Kampf um die Überführung der Leiche nach Mosambik.

„Wir haben unsere Zeremonien, wir brauchen unseren Bruder hier.“

Pita Gomondai, Februar 2020 in Chimoio, Mosambik

Angelina, Carlotta, Antonio, Pita und Xavier Gomondai erinnern sich an die Beerdigung ihres Bruders, Februar 2020, Chimoio, Mosambik

Eine jährliche Zeremonie

Erst im Mai 1991 – mehr als einen Monat nach seinem Tod – kann Jorge Gomondai in Mosambik beerdigt werden. Seitdem kommt die Familie einmal im Jahr zusammen, um an den Verstorbenen zu erinnern und gemeinsam zu gedenken. Bis heute hat Pita Gomondai alle Dokumente aufbewahrt. Sie geben einen erschreckenden Einblick in die bürokratischen Hürden in beiden Ländern. Über die genauen Umstände des Todes von Jorge Gomondai geben die Papiere jedoch keine Auskunft. Erst 1993, als ein deutsches Filmteam die Familie in Mosambik besucht, erfahren die Eltern und die Geschwister, auf welche brutale Weise ihr Bruder ums Leben kam. Eine offizielle Benachrichtigung mit einer Erklärung aus Deutschland haben sie nie erhalten.

Information der Fluggesellschaft, dass eine Sendung mit menschlichen Überresten und dem Gewicht von 149 kg innerhalb von 120 Stunden abzuholen sei. Sonst würden Lagergebühren fällig. Beira am 7. Mai 1991.

„Das kann jedem von uns täglich, jede Stunde passieren.“

Nabil Yacoub, Sprecher des Ausländerrats Dresden während der Trauerandacht für Jorge Gomondai am 11. April 1991

Gedenken in Dresden

Zwei Tage nach dem Tod von Jorge Gomondai rufen die Ausländerbeauftragte der Stadt Dresden und Kirchenvertreter*innen die Bevölkerung zu einer Trauerandacht in der Kreuzkirche und einem Demonstrationszug durch das Stadtzentrum zum Ort des Verbrechens auf. Mehrere tausend Dresdner*innen schließen sich dem Aufruf an und versammeln sich am 11. April 1991 in der Innenstadt von Dresden. Zum Gedenkgottesdienst sind Hunderte Menschen in die Dresdner Kreuzkirche gekommen.

Andacht in der Kreuzkirche


Der evangelische Superintendent Christof Ziemer ruft dort zur Solidarität mit migrantischen Dresdner*innen auf. Der Sprecher der CDU-geführten sächsischen Landesregierung, Michael Kinze, verneint jedoch ein rassistisches Motiv und entschuldigt die Tat und die Täter*innen stattdessen als Ausdruck der „Schwierigkeiten vieler Menschen, ihren Standort in der freiheitlich-demokratischen Ordnung zu finden“. Die Regierung von Sachsen werde sich daher bemühen „gesunde, attraktive Alternativen für die Freizeitgestaltung zu finden“. Dresdens CDU-Oberbürgermeister Herbert Wagner bleibt dem Trauergottesdienst fern.

„Das ist das Minimum, was ich erwarte, dass Menschen dafür auf die Straße gehen.“

Roman Kalex, Januar 2020 in Dresden

Emiliano Chaimite, Marita Schieferdecker-Adolph und Roman Kalex erzählen vom Trauerzug und den Angriffen der Nazis, Januar 2020 in Dresden

Neonazis stören den Trauerzug

Nach dem Gottesdienst sind die Trauergäste mit etwa einhundert Neonazis konfrontiert, die sich auf dem Altmarkt gegenüber der Kreuzkirche versammelt haben. Sie brüllen „Ausländer raus“ und „Sieg Heil“ und greifen zielgerichtet die Teilnehmer*innen an, die sie für Nichtdeutsche halten.

Auch der anschließende Trauerzug von etwa 7.000 Menschen durch die Innenstadt wird immer wieder von Neonazis angegriffen. Sie versuchen, bewaffnet mit Ketten und Schlagstöcken, Migrant*innen zu attackieren und den Demonstrationszug mit Sieg-Heil-Rufen zu stürmen.

Am Platz der Einheit, dem Ort des Verbrechens, umstellen Einsatzkräfte der Polizei die Versammlung. Auch dort versuchen die Neonazis zu stören und durchbrechen die Sperre der Polizei, um erneut anzugreifen. Kleine Gruppen von Linken und Migrant*innen können die Neonazis schließlich in die Flucht schlagen.

Auf der Wiese in der Nähe des Tatortes wird ein Porträt von Jorge Gomondai abgelegt. Viele Menschen legen Blumen dazu und zünden Kerzen an. Eine Mahnwache formt sich, um den provisorischen Gedenkort gemeinsam zu bewachen.

Fortsetzung folgt:

Der Gedenkgottesdienst und der Weg zum Ort des Verbrechens legten den Grundstein für ein jährliches Ritual bis in die Gegenwart.
In Kürze werden hier die Entwicklung des Gedenkens an Jorge Gomondai und die juristische Aufarbeitung des Verbrechens dargestellt.